Die Zeit ist gekommen

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Das Alte Testament endet unvermittelt. Die ganze Schrift erzählte davon, dass Gott Seinen ewigen Ratschluss vollenden würde. Das Reich Gottes würde in die Welt hereinbrechen und alles zum Gutem wenden. Durch Israel würde Er alle Nationen zu sich zurückrufen. Die Propheten hatten es versprochen. Israel wartete auf folgende Verheißungen:

Israel besitzt das Land Kanaan. Alle Sünden des Volkes werden weggewischt. Die Fremdherrschaft endet. Gott nimmt Seinen Thron am Zion ein und regiert die Welt. Freiheit kehrt ein. Gott schließt einen neuen Bund mit den Menschen und gießt Seinen Geist in ihr Herz aus. Die Ebenbildlichkeit Gottes wird wiederhergestellt. Das Königtum Davids kehrt zurück. Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen, Stumme singen. Die Stimme eines Rufers wird in der Wüste gehört, der den Weg des HERRN bereitet. Der Messias, der Gesalbte Gottes, kommt. Er bringt Friede, Gerechtigkeit und Erlösung. Seine Herrschaft hat kein Ende. Durch Israel werden alle Völker gesegnet.

All diese Verheißungen waren noch nicht eingetroffen, aber sie schlugen im Herz der Israeliten vor 2000 Jahren. Sie warteten sehnsüchtig auf ihre Erfüllung. Sie beteten dafür. Aber sie waren überrascht, auf welche Weise sich diese Prophetien am Ende bahnbrachen. Denn am Scheitelpunkt der Geschichte trat ein Mann auf, der alle Erwartungen konterkarierte: Johannes der Täufer.

Das Alte Testament hatte Johannes auf vielfältige Weise angekündigt. Jesaja nannte ihn den Rufer in der Wüste, der dem Herrn den Weg ebnet. (Jes 40,3) Für Maleachi war er der Bote Gottes, der den Weg vor dem Herrn bereitet. (Mal 3,1) (um nur zwei Beispiele zu nennen).

Johannes war ein Phänomen, eine Naturgewalt. Die Menschen kamen aus allen Richtungen, um ihn zu sehen und zu hören und sich taufen zu lassen. Wenn er jemanden untertauchte, dann ging es darum, sich von den alten Sünden rein zu waschen und von den Bindungen, die von den Sünden hervorgebracht wurden. Seine Taufe bedeutete eine Umkehr zu Gott.

Was Johannes für die Herrschenden und die jüdische Gesellschaft so unbequem machte, war, dass er vom auserwählten Volk verlangte, es müsse umkehren und sich taufen lassen. Allein Jude zu sein, genügte laut Johannes nicht, um gerettet zu werden. Das war besonders für die Schriftgelehrten schwierig nachvollziehbar und so verlangten sie von ihm, sich zu erklären.

Johannes fokussierte sich nicht auf alte, tradierte Gebote, Praktiken und Überlieferungen. Sein Fokus lag nicht in einer Vergangenheit, die es wiederherzustellen galt, sondern auf einem kommenden Königreich.

Johannes war ein wilder Mann. Er war der neue Elija, der am Jordan seinen Dienst tat und einen Kamelhaar-Mantel trug. Doch wo Elija das Wasser des Himmels durch sein Gebet zurückhielt, gab Johannes das Wasser – wenn eine Umkehr stattfand. Elija´s Botschaft war: „Kehrt um oder es gibt kein Wasser.“ Der neue Elija sagte: „Kehrt um und empfangt Wasser.“

Elija tunkte den heidnischen Altar in Wasser und Gott sandte das Feuer. Johannes sagte, er taufe lediglich mit Wasser, aber Jesus werde mit Feuer taufen.

Der Täufer war der letzte Prophet des Alten Bundes. Er ist das Scharnier zwischen den beiden Testamenten. Moses und die Propheten kamen mit ihm zu ihrem Ende. Das Reich Gottes brach nach ihm an.

Schon seine Geburt war wunderbar. Die Eltern, Elisabeth und Zacharia, waren alt und nicht mehr in den fruchtbaren Jahren, als ihnen Johannes geschenkt wurde. Bereits in der Gebärmutter war der Knabe mit Heiligem Geist erfüllt (ein Mysterium, das bis heute nicht erklärbar ist).

Irgendwann hatte Johannes begonnen, das Volk zur Umkehr zu rufen und zu taufen. Doch für seinen Auftrag ging er nicht zu den Menschen in die Dörfer und Städte, wie es für manche Propheten üblich war.

Wenn man ihn hören, sehen und erleben wollte, dann musste man sich selbst auf den Weg machen. Man musste das Zuhause zurücklassen und sich in die Wildnis begeben – an den Jordan. Umkehrwillige und Schaulustige mussten zu ihm kommen und das bedeutete einen beschwerlichen Weg durch eine Gegend glutheißer Tage und eiskalter Nächte.

Doch was war das für ein Mann, den man dort zu Gesicht bekam. Die Erscheinung des Johannes muss beeindruckend und abschreckend gewesen sein. Er hatte sich niemals die Haare geschnitten – das heißt, seine Haare müssen ihm bis über die Taille herabgehangen haben. Der Bart war lang und buschig, er war niemals gekürzt worden. Johannes ernährte sich von Wildhonig und Heuschrecken. Können sie sich einen bärtigen Mann vorstellen, der täglich Honig isst? Wissen sie, wie sich ein langer Bart mit Honig verträgt?

Dazu trug Johannes, wie wir schon hörten, einen Mantel aus Kamelhaar und einen Ledergürtel. Was für ein Anblick! Was für ein wilder Mann!

Mit seinem Auftreten symbolisierte Johannes das, was er predigte. Er sprach nicht nur durch Worte. Sein ganzes Sein war eine Botschaft! Johannes gab nichts auf gesellschaftliche Etikette. Was die Menschen von seinem Äußeren dachten, war ihm egal. Bequemlichkeit war ihm nicht wichtig. Alles, was in der Welt zählt (Ansehen, Anerkennung, Komfort, Sicherheit, Schönheit, Ruhm, Geld, Macht…) galt ihm nichts.

Das ist der Eine, den Gott auserwählt hat, den Weg des Messias zu ebnen, den Weg des Sohnes Gottes, des Königs der Welt.

„Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe!“ Dies war sein Ausruf.

Johannes war ein Radikaler. Für ihn gab es keine Kompromisse. Er kannte keine Grautöne, sondern nur schwarz und weiß. Er zielte mit seinen Worten auf alles, was dem Reiche Gottes entgegenstand. Der Zeitgeist war ihm verhasst. Er prangerte Missstände an, warnte seine Zeitgenossen, drohte mit dem Gericht und offenbarte die Sünden seines Volkes. Er war völlig unparteiisch. Sadduzäer und Pharisäer nannte er gleichsam „Schlangenbrut“. Seine Kritik an König Herodes kostete ihm am Ende den Kopf.

Johannes war kein Mann der feinen Klinge. Und doch war er „der Freund des Bräutigams“ (Joh 3,29). Er war es, der der Braut ihren Bräutigam ankündigte. Der wilde Mann am Jordan bereitete dem Bauhandwerker aus Nazareth den Weg. Der zottelige Mann am Jordan und der Mann mit den Bauhandwerkerhänden, sie waren Freunde.

Die Botschaft des Johannes würde heute in etwa so lauten:

Eure Nationalität rettet euch nicht. Eure Abstammung rettet euch nicht. Eure Kirchenzugehörigkeit rettet euch nicht.

Gott steht vor der Türe und wird alles vernichten, was nicht gut ist.  

Kehrt um und bringt endlich gute Früchte hervor. Die Zeit ist knapp. Löst euch von euren falschen Göttern und Vorstellungen. Löst euch vom Zeitgeist. Verlasst euch nicht auf Äußerlichkeiten. Gebt den Armen und helft den Hilflosen.

Es kommt bald der Eine, der viel größer und stärker ist als ich. Ich bin nicht würdig, ihm auch nur die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit Heiligem Geist und Feuer taufen. Er hat alle Macht und wird die Spreu vom Weizen trennen. In Seinen Händen liegt das Gericht.

Johannes war radikal, unbequem, laut und herausfordernd. Er predigte den Menschen das kommende Königreich Gottes, indem er dem Volk erstmal den Boden unter den Füssen wegzog. Teil des Volkes Gottes zu sein, darauf sollte sich niemand verlassen.

Genau zu diesem wilden, unbequemen, lauten, revolutionären Mann kam Jesus an den Jordan. Dieser Mann, den Jesus später den Größten aller bisher geborenen Menschen nannte (Mt 11,11), sollte Ihn mit Wasser taufen.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Janet Züllig sagt:

    Sehr interessant und aufschlussreich. Diese Zeit und die Situation kann man besser verstehen.

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