Macht in der jungen Kirche II

Nachdem wir geklärt haben, dass die junge Kirche vor ganz anderen Aufgaben stand als unsere Kirchen heute, wollen wir uns dem Thema „Entscheidungsfindung“ zuwenden. Es ist nämlich durchaus erstaunlich, dass im Neuen Testament kaum je eine Entscheidung an ein Gremium delegiert wurde. Aber dazu kommen wir gleich noch.

Zuerst schauen wir uns an, wie ein Treffen in der Urgemeinde wohl ausgesehen hat und ob es in diesen Treffen besondere Rollenverteilungen gab. Kol 3,16 ist ein beredtes Zeugnis einer Versammlung:

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Hier ist keine Rede von besonderen Rollen der Über- oder Unterordnung. Alle Christen, die sich treffen, tragen etwas bei. Sie lehren und ermahnen sich gegenseitig. Eine mag vielleicht musikalischer sein als eine andere und einen Psalm vertont haben. Ein anderer mag einen Hymnus dichten und vortragen. Wieder ein anderer hat vielleicht den neuesten Brief des Paulus bekommen und liest daraus vor. Aber alle bringen sich ein – zur gegenseitigen Erbauung.

In der Urgemeinde trafen sich Christen, die sich dessen bewusst waren, dass der Heilige Geist in ihnen wohnte und dass es dieser Geist war, der sich durch sie ausdrückte. Gemeinsam bildeten sie den Leib Christi vor Ort und gemeinsam zeigten sie, was es heißt, unter Gottes Führung zu stehen.

Eine vielleicht bekanntere Stelle finden wir in 1.Kor 14,26-29:

Wie ist es nun, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung! Wenn jemand in Zungen redet, so seien es zwei oder höchstens drei und einer nach dem andern; und einer lege es aus. Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde und rede für sich selber und für Gott. Auch von den Propheten lasst zwei oder drei reden, und die andern lasst darüber urteilen.

Jede und jeder trägt in der Versammlung etwas bei. Dabei ist aber wichtig, dass es eine Ordnung gibt und dass nicht das Chaos ausbricht. Man stelle sich vor, in einem recht kleinen Raum treffen sich 15 Menschen und alle sprechen gleichzeitig. Dies würde niemandem etwas nützen.

Interessant ist aber auch, dass hier eines deutlich wird: Nur weil sich jemand Prophet nennt, hat er noch keine Sonderstellung. Im Gegenteil: Dass er sich Prophet nennt, bedeutet, dass die Gemeinde ihn umso genauer prüft. Und zwar gemeinsam! Es ist kein Leitungsgremium, das prüft, sondern die Gemeinschaft im Ganzen. Denn der Heilige Geist, der in die Wahrheit führt, wohnt in ihnen allen.

Nun stelle man sich vor, in eine solche kleine, familiäre Versammlung kommt ein Fremder, ein Besucher, wie es in 1.Kor 14,24f heißt:

Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet;  was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Nun könnte jemand sagen: Was Paulus hier sagt, das haben wir doch in unseren Kleingruppen. Wir treffen uns im kleinen Rahmen und tauschen uns aus, beten miteinander und singen vielleicht sogar.

Ich wünsche jedem, dass er so eine Kleingruppe hat, aber meine Erfahrung zeigt mir, dass viele dieser Gruppen nicht anders funktionieren als der Sonntagsgottesdienst. Oft ist eine Person der Leiter, der sich vorbereitet hat. Er hat eine Bibelstelle ausgesucht und legt sie aus. Die anderen diskutieren vielleicht mit, aber dieser eine hat eine Sonderfunktion.

In der Urgemeinde war das anders. Da gab es keine Sonderstellung. Alle trugen das bei, was ihnen der Heilige Geist auftrug. Eine Bibel und Bibelkommentare hatte sie ja noch nicht. Was sie hatte, waren vereinzelte Briefe und das, was ihnen die Apostel beigebracht hatten. Aber vor allem die Gewissheit, dass in ihnen derselbe Geist wohnte, der in Jesus gewohnt hatte!

Wenn es in einer Gemeinde zu Auseinandersetzungen kam, war sie aufgefordert, das Problem intern zu lösen. War dies nicht möglich, sandte man, so es möglich war, einen Brief an einen der Apostel. In 1.Kor 11 lesen wir über das Problem des Kopftuches in der Gemeinde in Korinth. Die Frage lautete: Was ziemt sich und was gehört sich nicht für eine Frau? Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, wieso es gerade in Korinth dieses Problem gab. Aber eines fällt auf: Am Ende seiner Ausführungen spielt Paulus den Ball an die Gemeinde zurück. Er hat seine Meinung gesagt, aber schließt implizit damit, dass er sagt: Ihr müsst in eurem Kontext in Korinth selbst entscheiden, was ihr wie macht und wie das mit den Sitten in Korinth vereinbar ist.

Kein Christ steht über einem anderen Christen. Vielmehr gilt in einer Gemeinschaft das Gebot der gegenseitigen Unterordnung Eph 5,21: Ordnet euch einander unter; tut es aus Ehrfurcht vor Christus.

Noch nicht einmal die Apostel wollten im Alleingang Entscheidungen treffen. Beim bekannten Apostelkonzil (Apg 15) heißt es:

Da beschlossen die Apostel und Ältesten mit der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte Männer auszuwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabbas und Silas, angesehene Männer unter den Brüdern.

Die Apostel und die Ältesten mit der ganzen Gemeinde!

Schon zuvor, als es darum ging, die Witwen der Gemeinde zu versorgen, suchten nicht die Apostel fähige Mitarbeiter aus. Nein, sie gaben den Ball an die ganze Gemeinde zurück und sagten: Sucht ihr aus! Die Gemeinde entscheidet.

Entscheidungen als christliche Gemeinschaft zu treffen ist ein zutiefst spiritueller Akt. Der Geist, der uns in die ganze Wahrheit führt, will gehört und verstanden werden. Jesus Christus ist das Haupt der Gemeinde, die durch Seinen uns innewohnenden Geist regiert und geleitet wird.

Zum Ende will ich noch eine kurze Stelle erwähnen, um zu zeigen, wie „basisdemokratisch“ die Urgemeinde war. Johannes schreibt in seinem dritten Brief Kapitel 1,9-10:

Ich habe der Gemeinde geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen der Erste sein will, weist uns ab. Darum, wenn ich komme, will ich ihn erinnern an seine Werke, die er tut; denn er verleumdet uns mit bösen Worten und begnügt sich nicht einmal damit: Er selbst weist die Brüder ab und hindert auch die, die sie aufnehmen wollen, und stößt sie aus der Gemeinde.

Diotrephes, der der Erste sein will… Dieser Mann ist ein Beispiel dessen, was in der Gemeinschaft von Christen nicht geht. Keiner soll der Erste und Oberste und Mächtigste sein wollen. Keiner soll so anmaßend sein, dass er sich über andere stellen will.

Armer Diotrephes: Für alle Zeiten steht er in der Bibel als ein Negativbeispiel. Das hat er sich wohl nicht so vorgestellt.

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