Macht in der jungen Kirche IV

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Wenn also kein Mensch in der Gemeinde Macht über einen anderen Menschen ausüben soll und darf und kann, was ist dann mit den Ämtern, begonnen von den „Ältesten“ bis hin zum „Bischof“?

Dazu schauen wir zuerst an, was für Begriffe im Neuen Testament denn überhaupt für „Leitungsfunktionen“ in der Kirche benutzt werden und was sie bedeuten.

Πρεσβύτερος – Presbyteros – Älteste. Dieses Wort bezeichnet im Grunde wirklich einfach eine alte Person, die über Erfahrung und Weisheit verfügt.

Επισκοπος – Episkopos – Wird leider viel zu oft als „Bischof“ übersetzt, bedeutet aber eigentlich so etwas wie Aufseher bzw. Hirte. Die Aufgabe des Aufsehers war es, auf das Wohl von etwas zu achten. So konnte man zum Beispiel Aufseher über einen Kranken sein, das heißt: Man achtete darauf, dass es dem Kranken möglichst gut geht. Man hat ein Auge auf ihn. Die Funktion des Hirten ist dieselbe: Der Hirte schaut auf das Wohl der Schafe. Dabei geht der Hirte der Herde nicht voraus und sie folgt ihm. Viel eher geht die Herde voraus und der Hirte folgt ihr und achtet auf ihre Sicherheit.

Διάκονος – Diakonos – Dies ist einfach nur ein Mensch, der dient.

Προΐστημι – Proistämi – Dieses Wort bezeichnet einen Menschen mit einer hingebungsvollen Haltung. Es ist ein Mensch, der für das Reich Gottes mehr Zeit investiert, als es anderen vielleicht möglich wäre.

Δάσκαλος – Daskalos – Lehrer.

Παιδαγωγός – Paidagogos – Lehrer.

Ποιμένος – Poimenos – Hirte. Siehe oben.

Keines dieser Worte meint ein offizielles Amt, sondern immer nur eine Funktion, eine Aufgabe. Keines dieser Worte meint also eine bestimmte Position innerhalb oder oberhalb der Gemeinde.

Wie wir gesehen haben, unterscheiden sich die Worte, die das Neue Testament für Machtverhältnisse und Hierarchien verwendet, radikal von den Worten für die Kirche.

In der Kirche darf es niemals um menschliche Macht gehen. Und dennoch gibt es Lehraufgaben und Leitungsaufgaben, die Aufgaben eines Ratgebers und so weiter.

Fragen wir nun also ganz gezielt, was einen Ältesten in der Gemeinde ausmacht. Was ist seine Aufgabe? Was hat er (oder sie!) mitzubringen?

In Apostelgeschichte 15 erleben wir die Ältesten in Aktion. Etwas ist ihnen zu Ohren gekommen. Und das, was sie hörten, prüfen sie anhand des Wortes Gottes! Sie sind also dem Wort verpflichtet!

In 1.Tim finden wir den Begriff des Ältesten und des Aufsehers so, als wären die Begriffe austauschbar. Paulus bezeichnet mit Ältesten offenkundig Menschen, die den Großteil ihrer Zeit mit Predigen und Lehren verbringen. Hierfür sollen sie, so lese ich den Text, von der Gemeinde auch unterstützt werden (auch finanziell).

Zusammengefasst kann man sagen: Älteste mussten das WORT gut kennen! Sie mussten über Erfahrung und Weisheit verfügen. Sie mussten vertrauenswürdig sein, damit man sie um Rat bitten konnte oder um Vermittlung in Streitfragen.

Älteste stammten aus der eigenen Gemeinde und hatten sich im Laufe ihres Lebens einen guten Ruf erarbeitet.

Alle Entscheidungen, die getroffen wurden, traf die Gemeinschaft zusammen. Die Aufgabe der Ältesten war es nicht, der Gemeinde diesen Auftrag abzunehmen, sondern sie beratend zu unterstützen.

Ich hoffe, wir sahen in den vier Blogs, die ich zu diesem Thema verfasst habe, wie wichtig es ist, dass wir in der Gemeinde auf Machtstrukturen verzichten. Weder dürfen wir Macht an einzelne Personen übertragen, noch dürfen wir Macht an uns reißen wollen. Nur gemeinsam können wir Gottes Reich in dieser Welt repräsentieren. Nur, wenn wir uns in einem Geiste zusammenfinden und alle unsere Fähigkeiten und Gaben zusammenfügen, werden wir unsere vollständige Strahlkraft entwickeln. Gott helfe uns dabei!

Wichtig ist mir aber zum Schluss auch, nochmal darauf hinzuweisen, dass wir nicht mehr in der Zeit der jungen Kirche leben. Die Welt hat sich verändert. Es stellen sich heute teilweise andere Fragen wie damals. Eine Gemeinschaft kommt niemals ohne Leitung aus. Es wird immer Menschen geben, die schon erfahrener und reifer sind als andere. Diese Menschen sollen und dürfen ihr Wissen und ihre Weisheit einbringen; aber immer zur Erbauung und zum Nutzen der Gemeinde – und eben niemals zur eigenen Profilierung oder zum eigenen Vorteil.

Ich bin äußerst dankbar, dass ich selber Teil einer Kirche sein darf, die versucht, diese Prinzipien anzuwenden. Natürlich scheitern wir immer wieder. Natürlich sind wir nicht vollkommen. Aber wir versuchen dennoch, möglichst viele Lehren aus der jungen Kirche auch in unseren Aufgaben umzusetzen und sie auf unsere Situation anzuwenden.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Xeniana sagt:

    Spannender Text. Ich versuche mich gerade darin “ Das Reich Gottes “ zu lesen und bin fasziniert von den Anfãngen des Christentums.

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    1. Von welchem Autor stammt denn das Buch?

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      1. Xeniana sagt:

        Emmanuel Carrere

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      2. Interessant. Das kenne ich gar nicht. Ich empfehle für ganz Radikale die Bücher von Frank Viola und für alle, die Englisch gut beherrschen, John Nugents „Endangered Gospel“. Und natürlich sämtliche Bücher von NT Wright. 🙂

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