Die Genealogie des Todes – Gen 5

das, was wir in 1.Mose 5 vor uns haben, nennt sich eine „Genealogie“. Das ist eine Geschlechterfolge. Meistens sind das Passagen, die wir beim Lesen gerne überspringen. Wir finden sie langweilig. Aber die Menschen der Antike fanden sie ungeheuer spannend und aussagekräftig.

Obwohl wir in der Bibel mehrere solcher Genealogien haben, ist diese hier irgendwie anders.

Wie alle Geschlechterregister hat auch dieses hier eine festgesetzte Formel.

Es wird ein Name genannt und gesagt, wie alt die Person war, als sie den ersten Sohn bekam. Dann kommt der Name des Sohnes und wie lange der Vater nach seiner Geburt noch lebte, gefolgt von der Tatsache, dass es noch andere Söhne und Töchter gab. Am Ende steht, wie lange die Person insgesamt lebte – und dass sie starb.

Dieses Schema wird bei jeder Person beinhart durchgezogen. Interessant wird es für uns aber dort, wo dieses Schema durchbrochen wird. Drei solche Fälle finden wir im Text und wollen sie kurz anschauen.

  • Schon in Vers 3 lesen wir: „Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde, und nannte ihn Set.“

Komisch. Normalerweise wird in einer Geschlechterfolge der Erstgeborene genannt. Set aber ist der dritte Sohn Adams. Bei allen anderen Personen, die noch folgen, wird der Erstgeborene genannt. Nur hier nicht! Es ist auch ziemlich logisch, wieso der Autor das gemacht hat. Kain, der Erstgeborene, war ein Mörder und gründete eine Stadt, in der die Gewalt eskalierte und andere Undinge passierten. Kain war der Gründer der gefallenen menschlichen Zivilisation. Set jedoch wird in direkten Zusammenhang mit der Anbetung Gottes gebracht. „Und auch dem Set wurde ein Sohn geboren, den nannte er Enosch. Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.“ 1.Mose 4,26

Wichtiger jedoch erscheint mir, dass Adam einen Sohn zeugte, der ihm gleich sein sollte. Genau das wird uns ja von Gott über Adam (den Menschen) gesagt. Der Mensch ist das Bild Gottes. Er ist Gottes Repräsentant. Das hat sich bis heute nicht geändert. Auch heute noch ist der Mensch dazu bestimmt, Gott in der Welt wiederzuspiegeln. Dieser Auftrag und diese Ehre ist durch den Sündenfall nicht verloren gegangen. Psalm 8 feiert diesen Umstand geradezu! Und auch Gott bestätigt das in 1.Mose 9,6.

  • Das Schema geht nach Seth sieben Generationen weiter bis zu Henoch, bis die nächste Unterbrechung kommt. Dieser, so wird uns zweimal gesagt, „wandelte mit Gott.“ Nach 365 Jahren „war Henoch nicht mehr, denn der HERR hatte ihn weggenommen.“ Henoch ist der einzige in der ganzen Liste, von dem es nicht heißt: „und er starb.“ Wo hat Gott ihn hingebracht? Manche würden jetzt vorschnell sagen: in den Himmel. Aber Jesus sagt: „Niemand ist in den Himmel emporgestiegen ausser dem Einen, der vom Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn.“ (Joh 3,13) Aber heißt es nicht, dass Elija auf dem Feuerwagen in den Himmel gefahren ist. Nun, ja, es heißt, dass Elija Richtung Himmel fuhr – aber wir wissen nicht, wo er gelandet ist.
  • Am Ende durchbricht der Autor sein Schema beim Namen Noah. Es beginnt damit, dass Lamech, Noahs Vater, über ihn sagt: „Der wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der HERR verflucht hat.“ (V29)

Bei Noah fällt noch etwas auf. Er ist bereits 500 Jahre alt, als er seine Kinder bekommt. Alle anderen Ahnherren waren zwischen 65 und 187. Nach Noah bekommen die Patriarchen ihre Kinder zwischen 29 und 100 Jahren. Noah sticht also allein dadurch heraus, dass er schon so alt ist, als ihm Kinder geschenkt werden.

Wie ist das zu erklären? Wieso ist das dem Autor wichtig? Was wir er uns sagen?

Wenn wir später lesen, dass Noah ein Mann war, der gerecht war und (wie Henoch) „mit Gott wandelte“ (1.Mose 6,9), dann zeigt uns dieses hohe Alter vielleicht auch noch etwas. Dazu müssen wir aber die biblische Erzählung der Urzeit nochmal aufrollen. Gott hatte Adam und Eva als perfekte Gegenüber gemacht, sie sollten sich ergänzen. Der Mann sollte sein Elternhaus verlassen und der Frau anhängen. Nach der Sünde aber begann Adam über seine Frau zu herrschen. Dann tötete Kain den Abel und Lamech nahm sich schließlich zwei Frauen, die ihm anhingen (statt umgekehrt). Er brachte einen Mann wegen einer Wunde um und beschwor eine Gewaltspirale der Rache herauf (ich werde 77fach gerächt!). Kain baute eine Stadt, in der die Menschen sich noch weiter von ihrem Gott und ihrem Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, entfremdeten. Als nächstes hören wir von den „Söhnen Gottes“, die sich viele Frauen nahmen und eine Kriegerkaste hervorbrachten. All das führte direkt zu dem, was über die Generation des Noah gesagt wird: „die ganze Erde war verdorben und voller Gewalt“ (1.Mose 6,11)

Nur Noah war anders. Er lebte mit Gott und war als Einziger gerecht. Und er war offensichtlich monogam. Dass er erst mit 500 Jahren Vater wurde, lässt vermuten, dass seine Frau keine Kinder bekommen konnte (ähnlich wie Sarah, Rebekka und Rachel in späterer Zeit). Er aber nahm sich keine zweite Frau, sondern befolgte Gottes Gebot, dass ein Mann nur eine Frau haben soll.

Anders als seine Zeitgenossen war Noah ausserdem ein Mann des Ackers (1.Mose 9,20), also genau das Gegenteil von Kain und Lamech, die in der Stadt lebten.

Was bei dieser Genealogie noch auffällt, ist ihre morbide Sprechweise. Es gibt ja noch viele Geschlechtsregister in der Bibel und sie alle setzen voraus, dass die aufgelisteten Personen irgendwann starben. Aber in dieser Genealogie wird das bei jedem Mann, ausser bei Henoch, explizit formuliert: „und er starb.“

Und er starb und er starb und er starb.

Wieso schreibt man das in so eine Liste? Die Antwort ist ziemlich einfach. Als Gott Adam in den Garten setzte, sagte Er, beim Verzehr vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ würde der Tod folgen. Der Mensch würde sterben.

Unsere Genealogie macht ganz und unmissverständlich deutlich, dass dies auch tatsächlich der Fall ist. Die Menschen sterben. Ein jeder stirbt. Sie mögen unfassbar alt werden – aber am Ende wartet auf jeden der Tod. Es gibt kein Entrinnen.

Die ersten Todesfälle, von denen wir hören, waren Morde (Kain und Abel, sowie Lamech an einem Unbekannten). Aber man muss nicht ermordet werden, um zu sterben. Es geht auch so.

Stell dir vor, du liest die Bibel zum ersten Mal. Gott warnt Adam vor dem Verzehr der Frucht und droht mit dem Tod. Du staunst, dass Adam dennoch nicht stirbt, als er vom Baum isst. Er wird nur verbannt. Dann liest du, dass die ersten zwei Todesfälle Morde sind. Und vielleicht denkst du jetzt, dass also der Mensch vielleicht nicht stirbt – ausser er begegnet versehentlich einem, der ihm das Leben nehmen will.

Und während du so nachdenkst, kommt diese Genealogie des Todes und sagt: jeder stirbt. Mit einem unbarmherzigen sprachlichen Rhythmus hämmert der Text es dir ein: jeder stirbt.

Gott hat nicht gelogen. Was du hier liest, ist die Erfüllung Seiner Warnung.

Der Tod ist ein Fakt. Er traf, bis auf Henoch, alle – sogar den gerechten Noah und den betenden Set.

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