„Christus hat nie gelacht“?

Johannes Chrysostomos hat einst gesagt: „Christus hat nicht gelacht.“ (Viele kennen diesen Satz aus Umberto Ecos „der Name der Rose“).

Machen wir es kurz. Das explizite Lachen kommt im Neuen Testament nur wenige Male vor, im direkten Zusammenhang mit Jesus gar nie. ABER:

Nehmen wir Jesu Werk und sein Leben, so wie es uns überliefert ist, ernst, so erkennen wir, dass Jesus selbst mit einem ungeheuren Willen begabt war, der ihn bis ans Kreuz geführt hat. Aber wir bemerken auch seine Gelassenheit im alltäglichen Umgang mit Menschen, Gesetzen und Geboten. Die Gelassenheit bezog er aus seinem Vertrauen in seinen Vater. Das „Sorget euch nicht“ und „Fürchtet euch nicht“ Jesu, mit dem er seine Jünger immer wieder ermutigt und ermuntert, gibt ein beredtes Zeugnis von seiner eigenen Lebenseinstellung, die ganz auf Gott ausgerichtet ist. Seine zentrale Botschaft ist die Botschaft vom nahe gekommenen Gottesreich. Diese Botschaft selbst enthält so viel Lebensfreude und Hoffnung, dass man sie kaum trocken und humorlos verbreiten kann. Es ist das himmlische „Freut euch!“ (Lk 10,20), das Jesus verkündigt hat. Wie kann man vermuten, er hätte seine Frohbotschaft immer bierernst und ohne ein Lächeln oder gar ein freudiges Lachen kundgetan? „Wer so radikal wie Jesus dem Vater im Himmel vertraut und Gelassenheit lebt, provoziert Widerspruch und riskiert zumindest, nicht ernst genommen zu werden. Und wer andere zur selben Gelassenheit ermutigt, muß ihnen auch die Furcht vor den zu erwartenden Widerständen nehmen, muß lachen können über Furcht und Sorge – kein höhnisches, wohl aber ein befreiendes Lachen, ein >Osterlachen<, ein Lachen, das ansteckt und überzeugt – muß eine innere Heiterkeit vermitteln, wie Jesus es tat mit seinem Humor.“ (Ernst Bloch)

Jesu Humor zeigt sich an ganz unterschiedlichen Stellen.

  • Wortspiele/Wortschöpfungen: Wenn Jesus seine Jünger zu „Menschenfischern“ (Mt 4,19) macht, dann ist das für uns nach 2000 Jahren Auslegungsgeschichte schon so normal, dass wir den Humor dahinter meist gar nicht mehr mithören. Für die Fischer Petrus und Andreas jedoch war diese Wortschöpfung sicherlich irgendwie komisch und, vor allem, ungewohnt.

Auch das Wort „Kleinglaube“ bzw. „Kleingläubige“ ist eine Kreation Jesu. Es kommt außerhalb der Reden Jesu nicht vor.[1] Was später in der Kirche zum „Unglauben“ mutierte, hatte bei Jesus, zumal der „Kleinglaube“ mit einem Senfkorn verglichen wurde, noch einen scherzhaft-hoffnungsvollen Unterton. Ein Kleinglaube, wie auch ein Senfkorn, kann noch wachsen und gedeihen. Unglaube hingegen ist am Ende.

  • Übertreibung. Jesus hat, so scheint es, gerne übertrieben; speziell wenn er mit seinen Jüngern gesprochen hat. Diese Übertreibungen setzten voraus, dass seine Hörer wussten, dass es sich auch tatsächlich um solche handelte und sie nicht wörtlich zu nehmen waren. Jesus langweilte seine Zuhörer nicht mit dogmatischen Weisheiten, sondern warf ihnen etwas hin, woran sie geistig zu kauen hatten. Dazu gehören Aussagen wie das Kamel, das durchs Nadelöhr geht (Mt 19,24), der Balken im Auge (Mt 7,3) oder auch das Wort über die Führer, die Mücken aussieben, aber Kamele verschlucken (Mt 23,24). Alleine die bildhafte Sprache lässt uns heute noch schmunzeln.
  • Surrealismus. Nebst der Übertreibung stellt Jesus auch surreale Situationen dar. „Wenn ihr Glauben habt, wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich dorthin!, so wird er sich heben, und euch wird nichts unmöglich sein.“ (Mt 17,20) Natürlich hat Jesus damit nicht wirklich gemeint, dass das Bergeversetzen möglich sei. Auch wenn er „befiehlt“, der Mensch solle sich die Hand oder den Fuß abhauen, der zum Abfall verführt, kann dies unmöglich wörtlich gemeint gewesen sein. Er wollte vielmehr durch diese Bilder anspornen, sich mehr zuzutrauen, mehr Vertrauen zu entwickeln, eine untadelige Lebensführung zu wählen. Die Hörer damals wussten dies, denn sie kannten ihren Lehrherrn und seinen Humor.
  • „Dem Volk aufs Maul geschaut“ (Luther). Jesus gebrauchte gerne volkstümliche, teils recht derbe Ausdrücke; wenn es zum Beispiel um das Heilige geht, das man nicht den Hunden geben soll, oder die Perlen, die man nicht vor die Säue wirft (Mt 7,6). Auch der Staub, den man sich von den Füßen schüttelt, könnte aus dem volkstümlichen Sprachschatz kommen (Mt 10,14). Ebenso klingt seine Abrechnung mit der falschen Gesetzlichkeit der Pharisäer sehr derb: „Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert?“ (Mt 15,17)
  • Spott. Spott aus dem Munde des Gottessohnes? Ja. Es gibt ihn, auch wenn das vielen Christen schwer fällt zu hören. Aber es ist ein Spott nicht um des Spottes Willen, sondern ein Spott im Dienste der Frohen Botschaft. Es geht dabei um falsche Frömmigkeit und Heuchelei, die bloßgestellt wird. Da geht es um das „Ausposaunen“ der Almosen (Mt 6,2), das Gebet an den „Straßenecken“ (Mt 6,5), das „saure Dreinblicken“ beim Fasten (Mt 6,16) oder um das „Plappern beim Gebet“ (Mt 6,7), aber auch um die „breiten Gebetsriemen“ und die „langen Quasten“ (Mt 23,5). Die Polemik Jesu trifft dabei nie eine einzelne Person, sondern immer das Verhalten einer gewissen Gruppe bzw. deren Gesinnung. Die einzige namentliche Ausnahme bildet König Herodes, den er einen Fuchs schilt (Lk 13,32).
  • Witzige Vergleiche. Jesus ist ein Meister sprachlicher Karikatur. Man kann sich den blinden Blindenführer, der mit seinem Schützling gemeinsam in die Grube fällt (Mt 15,14), nur allzu gut vorstellen. Auch jene oben schon erwähnten Menschen, die Mücken aussieben und Kamele verschlucken (Mt 23,24), geben ein wirklich humoriges Bild ab.
  • Sonstiges. Neben dem bereits erwähnten zeigt sich Jesu Humor auch in seiner Schlagfertigkeit, mit der er auf Fangfragen reagiert oder in seiner Art, Binsenweisheiten in seine Lehre einfließen zu lassen. Ernst Bloch arbeitet noch weitere humorvolle Züge Jesu heraus: den „nichtwörtlichen Sinn einer Rede“, „die doppelsinnige Ausdrucksweise“, „die scheinbar paradoxe Rede“, „den gewagten Vergleich“, „den schockierenden Humor“ und „die humorvolle Geste und Demonstration“.

Ein humorloser Jesus? Unvorstellbar…

[1] Vgl. Schlatter, Adolf: Der Evangelist Matthäus, Stuttgart 1954, S. 534.

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