Widerstand leisten

Ich weiß nicht, ob es euch die letzten Monate auch so ergangen ist, dass ihr nicht immer genau wusstet, was in unserer Situation angebracht und was übertrieben ist. Ich meine damit die ganzen Maßnahmen, die uns verordnet wurden und die wir wegen diesem Virus ertragen müssen. Versammlungsverbote, Maskenpflicht, Abstandsregelungen, Social-Tracing usw. trafen uns alle schwer und unerwartet.

Ich aber muss ehrlich zugeben, dass ich keine Ahnung habe, wie so ein Virus funktioniert und was gesellschaftlich dagegen zu tun ist. Ich habe weder Biologie noch Virologie noch Epidemiologie studiert und auch nichts, was im Entferntesten damit zu tun hätte.

Wohl oder übel muss ich mich deshalb darauf verlassen, dass unsere Ämter und ihre Spezialisten wissen, was sie tun – oder dass sie zumindest nach bestem Wissen und Gewissen handeln, auch wenn sie dabei nicht fehlerlos agieren.

Aber hier liegt auch schon der Hund begraben. Die Frage stellt sich nämlich: Vertraue ich diesen Ämtern? Vertraue ich unseren Politikern, Beamten und sogenannten Spezialisten, die Entscheidungen über meinen Kopf hinweg treffen?

Oder hege ich ein tiefes Misstrauen gegen unsere Institutionen und die Personen, die sie vertreten?

Ich persönlich bin meistens kritisch, ja sogar misstrauisch, wenn es um die große Politik geht.

Aber im Hinblick auf unsere jetzige Situation habe ich mich dazu durchgerungen zu vertrauen, auch im Wissen, dass viele Entscheidungen von oben nicht adäquat sein mögen und dass man hin und wieder übers Ziel hinausgeschossen ist.

Aber das hat mich bei manchen Personen in letzter Zeit vermehrt in Ungnade fallen lassen – und nicht nur mich, sondern auch Menschen, die ähnlich denken wie ich.

Einem Pfarrkollegen wurde beispielsweise unverhohlen „Feigheit vor dem Feinde“ vorgeworfen. Er habe zu wenig Glaube, lasse sich von der Obrigkeit hinters Licht führen, durchschaue die Angelegenheit nicht, habe Psalm 91 nicht verstanden, solle mal die Offenbarung lesen usw.

Mir erging es auch schon ähnlich mit christlichen Gesprächspartnern.

Aber auch von nicht-christlicher Seite kommen solche Angriffe. „Müsstet nicht gerade ihr Christen jetzt zeigen, dass ihr Glauben habt und an eine höhere Macht glaubt? Wo ist jetzt euer Gott? Wo ist euer Glaube?“

Dezidiert wurden wir schon von beiden Seiten (von christlicher und nicht-christlicher) aufgefordert, endlich mehr WIDERSTAND ZU LEISTEN.

Ich will ehrlich sein: Widerstand ist eines meiner Lieblingswörter. Ich möchte gerne jeder Ungerechtigkeit und jeder Unterdrückung in dieser Welt Widerstand leisten. Ich möchte Rassismus, Dogmatismus, Nationalismus, Sexismus, falscher Religiosität und allem, was der Welt und der Menschheit schadet, Widerstand leisten. Manchmal gelingt es mir, manchmal auch nicht.

Aber was heißt „Widerstand leisten“ in unserer Situation? Wie soll ein Christ „Widerstand leisten“ gegen ein Virus und die heute geltenden Auflagen in der Schweiz, Österreich oder Deutschland?

Sollen wir so tun, als wäre nichts, so als gäbe es das Virus gar nicht? – Was würde das bringen?

Sollen wir die Auflagen des Bundes einfach ignorieren? – Würde das dem Königreich Gottes nützen?

Sollen wir die Abstandsregelungen und/oder das Social-Tracing boykottieren? – Wer würde davon profitieren?

Sollen wir uns die Hände nicht mehr desinfizieren, wenn wir uns treffen? – Wem wäre damit geholfen?

Sollen wir wieder in die Hände husten statt in die Armbeuge? – Das hätten wir schon früher nicht tun sollen.

Sollen wir ohne Anmeldung zum Arzt gehen, nur um dort wieder nach Hause geschickt zu werden? – Das wäre nur Zeitverschwendung.

Sollen wir bei Anzeichen einer Erkrankung einfach weiterhin Veranstaltungen besuchen? – Das tut man nicht mal, wenn man Grippesymptome hat. Nicht, weil man sich selbst schützt, sondern weil man niemanden anstecken will.

Was davon wäre für unsere Kritiker genug „Widerstand“?

Oder heißt „Widerstand“ einfach nur, der gleichen Meinung zu sein und die Obrigkeit anzupatzen und schlecht zu machen?

Ich will gerne Widerstand leisten, wann immer es in dieser Welt nötig ist. Aber ich sehe momentan nicht, wo es sinnvoll wäre. Ich erkenne nicht, wo der Nutzen für das Königreich Gottes wäre und was die Gemeinde davon hätte.

Im Gegenteil: Wenn wir jetzt die Maßnahmen als Gemeinde nicht umsetzen würden, würden viele unserer Gemeindeglieder sich gar nicht erst in unsere Gottesdienste, in unsere Gebetsgruppe oder zu irgendwelchen Anlässen getrauen. Dass wir also die Maßnahmen umsetzen, dient unseren Brüdern und Schwestern, die sonst zu Hause bleiben würden.

Die große Frage hinter dem ganzen Problem ist jedoch eine andere. Die Frage lautet: Wer regiert diese Welt?

Wenn ich davon ausgehe, dass der Böse diese Welt regiert und dass er hinter dem Virus und seinen Folgen steht – ja, dann gilt es tatsächlich Widerstand zu leisten. Dann müssten wir unser Schofar herausholen und zum Angriff gegen den Feind blasen.

Wenn ich aber davon ausgehe, dass dieses Virus wie alle Virusse der Weltgeschichte Teil dieser gefallenen Welt sind, dass dieses Virus also weder erfunden noch willentlich in die Welt gesetzt wurde, und wenn ich davon ausgehe, dass JESUS REGIERT, dass ER alle Macht im Himmel und auf Erden hat, dann kann ich getrost sein, dass keine Weltverschwörung im Gange ist.

Manche Christen, so scheint mir, geben dem Bösen mehr Macht als Gott. Sie sehen hinter allzu vielem den Teufel stecken. Und es stimmt ja, dass er noch über die Erde wandelt und dass er wie ein brüllender Löwe auftritt. Es stimmt ja auch, dass es noch Mächte und Gewalten gibt, die es mit der Menschheit nicht gut meinen. Es stimmt auch, dass wir gegen diese Mächte und Gewalten ankämpfen – wie Paulus es gesagt und gefordert hat.

Aber über allen und allem steht Christus!

Er lässt die Mächte und Gewalten gewähren oder auch nicht. Er hält das Schicksal der Welt in Händen. Und niemand sonst.

Mein Gott jedenfalls ist mächtiger als alles Böse.

Wenn Er uns aufruft, Widerstand zu leisten, dann werden wir diesem Ruf folgen. Wenn der Bund irgendetwas beschließen sollte, dass die Verbreitung des Evangeliums behindert oder unterbindet, dann werden wir Widerstand leisten. Wenn unsere Glaubensfreiheit eingeschränkt wird, dann werden wir Widerstand leisten. Wenn Christen ins Fadenkreuz der Politik geraten, dann werden wir Widerstand leisten. Wenn im Bund Entscheidungen gegen die Würde des Menschen oder die Gleichheit aller Menschen beschlossen werden, dann leisten wir schon jetzt Widerstand.

Übrigens, anders als auf dem etwas reißerischen Titelbild dieses Blogs, tun wir das immer GEWALTFREI!!! Und wir richten uns nie gegen Menschen, sondern gegen Ideologien, Gedankenmuster, Mächte und Gewalten im Hintergrund.

Bis dahin aber ordne ich mich der Obrigkeit unter, denn bis dato sehe ich nicht, dass sie etwas Böses im Sinne hätte. Bis dahin und darüber hinaus gilt auch, dass wir für diese Obrigkeit beten – damit sie Entscheidungen trifft, die dem Königreich Gottes dienen und uns vor allem die Freiheit gewähren, unseren Glauben zu leben.

Aber vielleicht bin ich auch einfach blind. Dann möge mir Gott bitte die Augen öffnen und mir zeigen, wo und wie und gegen welche Mächte sich der Widerstand richten soll.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karin sagt:

    Sehr weise Zeilen Christian🤗

    Liken

  2. Simone Herrmann sagt:

    Ich bin so froh, das zu lesen. Der Text fasst in Worte, was ich in meinen wirren und unvollständigen Gedanken schon angefangen zu denken habe. Danke für die Entwirrung 🙂

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s