Kann Gott alles vergeben?

Neulich hatte ich das Privileg, vor reformierten, katholischen und methodistischen Gottesdienstteilnehmern über das Gleichnis des „Schalksknechtes“ zu predigen (Mt 18, 21-35).

Der Knecht hatte vor seinem König 10.000 Talente an Schulden angehäuft. Das sind umgerechnet 34.000 kg Gold oder zum heutigen Goldpreis knappe 18.000.000.000 EURO oder 19.000.000.000 Franken.

Auf sein Flehen hin, wird ihm von seinem König die Schuld erlassen. Er jedoch erlässt seinem eigenen Schuldner nichts und wird deshalb noch einmal vor den König zitiert, der den Schuldenerlass rückgängig macht und ihn ins Gefängnis werfen lässt.

Eine meiner Aussagen in der Predigt war, dass Gottes Vergebungsbereitschaft skandalös ist.

Was für ein König kann es sich leisten, solche horrenden Schulden einfach wegzuwischen?

Aber die wirklich zentrale Frage ist: Kann Gott wirklich alle Schuld vergeben? Oder gibt es ein Zuviel? Und: Will ich das überhaupt akzeptieren?

Ein Mord – kann vergeben werden.

Zehn Morde – können vergeben werden.

Und 100 oder 1000?

1.000.000?

Kann Gott wirklich alle Schuld vergeben. Läuft das Fass nie über? Wenn jemand zu Ihm umkehrt, bereut, Buße tut und seine Schuld am Kreuz ablegt, ist dann wirklich alles möglich?

Ich bin nicht Richter an Gottes Stelle (Gott sei Dank!!!), aber in der Vorbereitung ist mir ein Beispiel untergekommen, das ich mit euch gerne teilen möchte. Es ist ein schmerzhaftes Beispiel, das mich fragend und verwirrt zurücklässt…

Hans Frank (geb. 1900 in Karlsruhe) war ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus. Fast von Anfang an war er ein getreuer Gefolgsmann Adolf Hitlers. Er machte Karriere in der NSDAP und übernahm während des Zweiten Weltkrieges als Generalgouverneur die Kontrolle über einen Teil Polens.

Unter seiner Herrschaft starben mindestens 3.000.000 Juden.

Da er das Land richtiggehend ausbluten ließ und ausbeutete, verhungerte eine Unzahl an weiteren Menschen.

1.000.000 Polen wurden nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert. Viele kehrten niemals zurück.

Sogar Josef Goebbels nannte ihn einen „Halbverrückten“. „Frank regiert nicht. Er herrscht“, schrieb er in sein Tagebuch.

Dabei ließ er es sich selbst fürstlich gut gehen und lebte in Saus und Braus.

1946 stand Hans Frank endlich in Nürnberg vor Gericht. Als deutscher Bürokrat hatte er in seinen Regierungsjahren minutiös Tagebuch geführt. So übergab er dem Richter und den Anklägern die Unterlagen all seiner Sünden im Umfang von 11.367 Seiten.

Und nun kommt der springende Punkt, der mich umtreibt:

Den Angeklagten in Nürnberg wurden von den Kirchen Seelsorger zur Seite gestellt. Der katholische Seelsorger Hans Franks behauptete später, Frank habe sich in der Haft zu Jesus bekehrt.

Zum bevorstehenden Todesurteil sagte Hans Frank: „Ich erwarte und verdiene es.“

Den Untergang des Nazi-Reiches nannte er „ein göttliches Gericht“. Die Deutschen seien dem falschen Kreuz (dem Hakenkreuz) gefolgt anstelle des Kreuzes Christi.

Vor seiner Hinrichtung dankte er für die Seelsorge und bat Gott um die gnädige Aufnahme seines Geistes in den Himmel.

Dann wurde er erhängt.

Nehmen wir an, meine Lieben, dass die Bekehrung Hans Franks echt war – und keine „Schmierenkomödie“, wie Hans Franks Sohn später sagte. Nehmen wir an, der Seelsorger hatte recht.

Kann dann Gott wirklich all die Schuld vergeben, die dieser Mann auf sich geladen hat? Ist das möglich?

Theologisch sehe ich keinen Grund, wieso Gott dies nicht können sollte. Keine Sünde kann gegen das Blut Jesu am Kreuz bestehen! Sei sie auch noch so groß!

Aber dieser Gedanke beunruhigt mich dennoch…

In mir sträubt sich etwas dagegen. Mein Gerechtigkeitsempfinden ist empört. Es ist skandalös!

Im tiefsten Inneren wünschte ich mir, dass die Bekehrung von Hans Frank tatsächlich eine Schmierenkomödie war und dass ihm nicht vergeben wurde.

Und gleichzeitig bin ich dankbar, dass Gott mir alle meine Schuld vergibt, obwohl ich dies nicht verdient habe.

Bin ich also selbst ein bisschen wie der Schalksknecht?

Und wie geht es dir dabei, wenn du so etwas liest?

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