Vom Schweigen

Es gibt richtiges und falsches Schweigen unter uns Menschen. In der Bibel finden sich viele Passagen, die davon berichten. Sie kennt beides und sie kennt sogar die Zwischenform – das beredte Schweigen.

Als die Freunde den arg gebeutelten Hiob besuchen und sieben Tage mit ihm schweigen, ist das für Hiob gut und wohltuend. Ihr Schweigen ist beredt. Hiob ist nicht allein. Es wird mit ihm getrauert. Sein Schmerz wird in der Stille geteilt und damit ein stückweit vielleicht sogar erträglicher. Als die Freunde aber ihr Schweigen brechen, zerbricht unter ihrem Reden auch die Freundschaft mit Hiob. Sie reden nämlich nicht mit ihm, sie reden auf ihn ein, von oben herab, verurteilend, fordernd, drohend – hier wird das Reden zu einem Akt der Gewalt. Am Ende stellt Gott sie selbst zur Rede und erklärt ihr Sprechen für unnütz. Sie haben damit weder Hiob noch sich selbst und schon gar nicht Gott einen Gefallen getan. Ihr anfängliches Schweigen war köstlicher als ihr haltloses Sprechen.

In einem anderen biblischen Extremfall wird das Schweigen nachträglich eher kritisch gesehen. Späte Nachfahren der handelnden Person hätten erwartet, dass diese das Wort ergreift. Es geht um niemand geringeren als um Noah. Während der ganzen Flutgeschichte spricht er nämlich kein Wort; zumindest wird uns keines überliefert. Gott teilt ihm mit, er wolle alles „Fleisch“ vernichten – und Noah schweigt. Gott befiehlt, Noah soll die Arche bauen und sich und seine Familie mitsamt vielen Landtieren und Vögeln retten – und Noah schweigt. Der Bau der Arche wird beendet, die Tiere werden an Bord gebracht, die Flut bricht herein – und Noah spricht kein Wort. Auch das Opfer nach der Flut bringt er schweigend dar. Und auf die Gabe der Gebote und des Bundes, sagt er ebenso kein Wort. Stattdessen wird er sich in der darauffolgenden Weinbaugeschichte bis zur Bewusstlosigkeit betrinken. Elie Wiesel, Überlebender des Holocaust, sieht in Noah das Dilemma des Überlebenden, der geschwiegen hat, und fragt: „flieht er… in Alkohol und Schlaf?“

Nach Elie Wiesel, der die Sintflutgeschichte vor dem schrecklichen Tod von Millionen von Juden unter der Herrschaft der Nationalsozialisten liest, hätte Noah sprechen müssen. Noah´s Schweigen wird als Verrat an der Menschheit gewertet. Er hätte sprechen müssen! Mit Gott, wie es Abraham tat, als er um Sodom verhandelte. Wie Mose, der für sein Volk eintrat. Oder wenn schon nicht mit Gott, dann hätte er wenigstens seine Mitmenschen warnen müssen; so wie Jona, der die Bewohner Ninives vor ihrem grausigen Schicksal aufklärte – vielleicht hätte Gott sich umstimmen lassen, wären die Menschen umgekehrt.

Es gibt richtiges und falsches Schweigen unter uns Menschen. Wann aber ist Schweigen richtig und wann ist es falsch? Woran können wir das messen? Wie sollen wir wissen, was angebracht ist?

Ich denke, das Motiv ist entscheidend. Handeln wir aus Liebe, dann wird sie uns anleiten. Dann werden wir mit dem Leidenden schweigen, wie die Freunde bei Hiob, und erkennen, dass unsere Gegenwart und unser Dasein oft mehr tröstet als ein Schwall von unbedachten oder oberflächlichen Worten.

Fordert uns die Liebe aber auf, etwas zu sagen, dann sollten wir dies auch unbedingt tun – um die Menschen zu warnen, um sie zur Umkehr zu rufen, wenn sie auf Irrwegen sind, und um ihnen Leben zu ermöglichen.

Aber übertreiben wir es nicht – weder mit dem Schweigen noch mit dem Reden.

Da waren nämlich drei Mönche, die das strenge Schweigegelübde ihres Ordens nicht mehr aushielten. Als sie das dem Prior bekundeten, erlaubte der, jeweils einer von ihnen dürfe an einem bestimmten Tag im Jahr einen Satz sagen.

Der bewusste Tag kam, die drei saßen wie immer in aller Frühe beim kargen Frühstück zusammen und der Mönch, der als erster der drei an der Reihe war, sagte: „Ich kann diese ewigen Haferflocken nicht mehr ertragen!“ ..…

Ein Jahr verging, der zweite war an der Reihe und sagte: „Also ich finde die Haferflocken ganz lecker.“…

Wieder verging ein Jahr und aus dem Dritten, der nun seinen Satz sagen durfte, brach es heraus: „Euer ständiges Gezänk über die Haferflocken halte ich nicht länger aus.“

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