Willst du gesund werden?

Fünf mittelgroße Hallen. In der Mitte ein Wasserbassin. Die Legende besagt, dass in sporadischen Abständen ein Engel in das Wasser taucht. Der erste nun, der es schafft, beim Aufstören des Wassers in das Bassin zu gelangen, soll geheilt werden.

Fünf mittelgroße Hallen. Fünf Hallen voller kranker Menschen. Ausgezehrte, Abgemagerte, Krüppel, Gelähmte, chronisch Kranke. Menschen, die ihre letzte Hoffnung an diesem Ort suchen und vermutlich verlieren. Hier ist kein Leben zu finden für einen Todkranken, denn hier gilt das Gesetz des Stärkeren und Schnelleren. Sogar unter Sterbenden kann es so zugehen. Das Überleben des Fittesten unter den Unfitten.

Eines Tages kommt Jesus an diesen Hallen vorbei. Johannes 5 schildert uns die Szene. Der Mann aus Nazareth sieht die Kranken und Versehrten. Er beschließt, einen von ihnen anzusprechen. Nur einen!

Dieser eine leidet seit 38 Jahren. Er ist ein Krüppel.

Der Herr fackelt nicht lange um den heißen Brei herum. Er kommt direkt auf den Punkt. „Willst du gesund werden?“

Ja. Das ist die große Frage an jeden Kranken, der dem Tode näher als dem Leben steht. „Willst du gesund werden?“

Aus dem Kranken spricht die Hoffnungslosigkeit. Er habe niemanden, der ihm hilft, ins Wasser zu kommen. Er gehöre nicht einmal hier zu den Stärkeren. Sobald das Wasser aufwalle, sei immer schon jemand vor ihm drin.

Wieder fackelt Jesus nicht lange. „Steh auf und geh.“

Der Mann ist geheilt. Er geht umher – und Jesus ist bereits verschwunden, ehe er sich bedanken oder nach Seinem Namen fragen kann.

Diese Episode, meine Lieben, wirft so viele Fragen auf.

Wieso spricht Jesus ausgerechnet diesen Mann an?

Wieso hat Er nicht noch mehr Leute geheilt? (und wie haben die Kranken auf dieses Wunder reagiert? Riefen sie Jesus nach, Er solle auch sie heilen? Versuchten sie, sich Ihm zu nähern, doch Er entwand sich ihnen?)

Wie kamen diese Kranken überhaupt am Sabbat an diesen Ort? Hatte man sie am Vortag schon dort abgelegt? Oder lagen sie vielleicht schon seit Tagen und Wochen hier?

Und der Geheilte: Was sollte er nun mit seinem Leben anfangen? Er war mindestens 38 Jahre alt; also schon relativ alt für die damalige Zeit. Sollte er jetzt einen Beruf erlernen und sich eine Frau suchen? 38 Jahre lang von der Versorgung durch andere leben und plötzlich auf eigenen Beinen stehen, wie kann das funktionieren?

Das ist übrigens eine Frage, die wir an alle Heilungen stellen können. Von Verkrüppelung oder Blindheit oder Aussatz geheilt zu werden ist eine große Sache. Das ist nicht so, als würde ich von meiner Haselnuss-Allergie frei und könnte jetzt einfach wieder Nutella aufs Brot schmieren, während der Alltag ansonsten normal weiterläuft. Nein. So eine Heilung stellt alles auf den Kopf. Ein Bettler muss plötzlich ohne Bettelei auskommen. Ein Gelähmter muss aufrecht stehen lernen. Ein Verkrüppelter muss seine Hände einsetzen, um das tägliche Brot zu verdienen.

Die Frage Jesu ist deshalb berechtigt: Willst du gesund werden? Willst du wirklich gesund werden?

Es könnte ja sein, dass sich ein Kranker in seiner Krankheit so gut eingerichtet hat, dass er das gar nicht möchte. Die Krankheit ist ein Teil von ihm. Sie gibt ihm Identität.

Willst du gesund werden?

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Janet Züllig sagt:

    Thank you, Christian, for sharing with us your thoughts, fears, joys, strong convictions and true beliefs. Especially in this very special time and your difficult situation, you allow us to „be with you“, to be „close“ to you and this is such a help. You are truly a „good shepherd“. Janet Züllig

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