Zeige deine Wunden

in meinem letzten Blog sprach ich von der Auferstehung und von ihrer Bedeutung. Lass mich kurz fragen:

Und jetzt? Ein paar Tage später: Was bedeutet diese Botschaft noch? Hat sich in deinem Alltag etwas verändert? Hast du aus der Auferstehungskraft heraus Entscheidungen getroffen und gelebt?

Ich glaube: Eigentlich sind wir doch in der gleichen Lage wie Thomas. Auch er hat die Erscheinung des Auferstandenen nicht persönlich erlebt, sondern kennt sie nur vom Hörensagen. Die anderen elf Jünger hatten Jesus gesehen; ihnen fiel es dementsprechend leicht zu glauben, was ihre Augen und Ohren vernommen hatten. Thomas aber war als einziger nicht dabei gewesen. Der Arme!

Interessant ist, dass Thomas seine Zweifel in der Gesellschaft der Jünger sehr freimütig äußert und ganz klar artikuliert: „Ich werde nicht glauben, es sei denn…!“ Das sagt er den anderen sehr frei und geradeaus ins Gesicht. Das beeindruckt mich.

Ich frage mich, ob ich mich das trauen würde. Einfach so mein Zweifel auszudrücken, wo doch alle anderen so fest an das glauben, was sie sagen.

Ich möchte mir aber auch die andere Seite genau ansehen:

Würden wir heute in unserer Gemeinde eine göttliche Offenbarung erleben, wie würde sich das abspielen. Nehmen wir an, hier –in diesem Raum- ereignete sich wirklich etwas Außerordentliches. Dass wir Gottesdienst feiern, ist ja eigentlich schon etwas Außerordentliches. Ich weiß. Aber stellen wir uns vor, Jesus träte höchstpersönlich unter uns, körperlich, leiblich, hörbar, sehbar, fühlbar und berührbar.

Und nehmen wir an, nur ein einziger Bruder oder eine einzige Schwester aus der Gemeinde wäre nicht dabei. Wir erzählten ihm oder ihr später von dieser Sache. Und diese Person würde sich weigern, unseren Aussagen zu glauben.

Was würden wir mit diesem Menschen tun? Ihn überreden, ihn überzeugen, ihn mit missionarischem Eifer zu unserer Überzeugung bekehren? Würden wir ihn bedrängen, er müsse uns glauben?

Und wenn er uns trotzdem glaubt: Dürfte er noch Teil der Gemeinde sein? Oder würden wir ihn hinausmobben? Denn immerhin stellt er uns ja in Frage. Darf er das; uns und unseren Glauben in Frage stellen; unsere tiefste Überzeugung anfechten; unsere Dogmen bezweifeln?

Oder machen wir es ganz persönlich: Gibt es etwas, das ich glaube, das niemand anzweifeln darf, ohne mich zu seinem Feind zu machen?

Schauen wir uns an, was die Jünger in dieser Situation machen: Nichts!

Da steht kein Wort von Überzeugungsarbeit oder davon, dass Thomas an die Aussagen der anderen Jünger glauben musste. Er durfte seine Zweifel aussprechen und seine Zweifel behalten; er durfte anders glauben als die anderen. Hier ist nichts zu spüren davon, dass er unter den Jüngern wegen seiner Zweifel weniger geachtet wurde oder gar ausgestoßen wurde. Nein. Er durfte zweifeln; er durfte anders sein; ja: er durfte den Glauben der Gemeinde selbst in Frage stellen! Die Gemeinde der Jünger hielt dies aus. Ihr Glaube war stark genug für die Zweifel, für die Verzweiflung eines Thomas! Sie wusste, dass die Menschen verschieden waren und verschieden glaubten und sie akzeptierten auch einen Zweifler in ihrer Mitte. Sie wussten, dass Gott auf verschiedenen Wegen geht und dass Thomas vielleicht einen anderen Weg mit Gott gehen musste. Thomas musste sich ihnen jedenfalls nicht anpassen, um angenommen zu sein. Er gehörte einfach dazu.

Welche Gemeinde hält das heute noch aus? Welche Kirche ist stark genug für einen Thomas in ihrer Mitte? Wir müssen uns vor Augen führen, dass Thomas ja nicht irgendein Detail das Glaubens in Frage gestellt hat, sondern das Fundament des Glaubens selbst -die Auferstehung des Auferstandenen!

Joseph Beuys, ein deutscher Künstler, hat 1974-1975 eine Kunst-Installation gemacht in einer Münchner Fußgängerunterführung (ihr seht sie auf dem Titelbild). Die Installation besteht aus einem krankenhausähnlichen Raum, in dem sich Paare von Gegenständen befinden. Zwei Holzwerkzeuge, an einer zweiteiligen weißen Holzplatte lehnend; zwei Schultafeln, darauf mit Kreide in kindlicher Schrift „Zeige deine Wunde“; zwei Leichenbahren, zwei mit Fett gefüllte Zinkblechkisten, ausgestattet mit einem Fieberthermometer und einem Reagenzglas, in dem das Skelett eines Drosselschädels liegt; zwei Forken, jede mit einem bunten Halstuch; und zwei Streifbandzeitungen des linken italienischen Blattes „La Lotta continua“ (Der Kampf geht weiter). Die Hauptaussage der Installation hieß: „Zeige deine Wunde!“

„Zeige deine Wunde“.

Diese Aussage rief umgehend einen öffentlichen Widerspruch hervor. Hier wurde offenbar etwas Unsagbares artikuliert. Einige Kritiker nannten das Werk den „teuersten Sperrmüll aller Zeiten“.

Unsagbar war das, was Beuys hier ausdrückte deshalb, weil es in dieser Gesellschaft nicht üblich ist, seine Wunden zu zeigen. Und schon gar nicht in einem Land wie Deutschland, dreißig Jahre nach dem Krieg, dessen Wunden nicht verheilt waren.

Auch für uns ist diese Aufforderung nur schwer erträglich: „Zeige deine Wunden!“ Ja, das machen wir vielleicht beim Arzt, in einer Psychotherapiesitzung oder in der Seelsorge – wenn überhaupt-, aber doch sicher nicht in der Öffentlichkeit. Aber Joseph Beuys platzierte diese Forderung an einem ganz öffentlichen Platz, dort, wo Menschen sich bewegten, sich begegneten.

Unsere persönlichen Wunden (innere wie äußere) verstecken wir meist vor den Augen der Menschen. Es ist fast so, als wären unsere Wunden etwas, wofür wir uns schämen müssten. Das hat etwas mit unserer Gesellschaft zu tun, mit einer Gesellschaft, die Zeitungen fabriziert, auf denen uns unerreichbare Schönheitsideale präsentiert werden. Wenn von uns ständig erwartet wird, dass wir perfekt sind, und wenn wir uns ständig selbst diesen Druck auferlegen, makellos zu sein; ja: dann haben Wunden und Verletzungen wirklich keinen Platz in unserem Leben, dann müssen wir uns für sie schämen, weil sie uns wie ein Makel erscheinen, dann müssen wir unsere Wunden verbergen vor den Blicken der Menschen und vor uns selber. Denn wer erträgt es schon, nicht perfekt zu sein? Meinen dicken Bauch, den kann ich wegtrainieren, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Meine grauen Haare kann ich färben. Meine Falten kann ich mit Botox glätten.

Aber meine Narben und Wunden, die bleiben immer sichtbar; gegen sie gibt es keine Mittel; und auch wenn ich eine hässliche Narbe bei einem Schönheitschirurgen wegoperieren lasse, dann bleibt mir doch eine neue Narbe aus der Operation. Und diese neue Narbe wird mich immer an die alte erinnern, gerade weil sie mich erinnert, wie hässlich doch die alte Narbe war.

Narben und Wunden sind ein Teil von mir. Ich kann sie höchstens verdecken, verstecken und verbergen.

„Zeig deine Wunde“: Das fordert Thomas implizit vom Auferstandenen, auch wenn er es nicht sprachlich ausdrückt. Und Jesus zeigt ihm die Wunden freimütig. Er schämt sich nicht für sie. Sie sind jetzt Teil seiner Persönlichkeit, Teil seiner selbst. Dass Jesus die Wunden noch hat, zeigt seine bleibende Menschlichkeit – auch in seiner Göttlichkeit. Der Auferstandene, der Heilige, der Hohepriester, derjenige, der zur Rechten Gottes sitzt, Er hat noch immer die Wundmale.

Der Auferstandene ist unauflöslich auch immer der Gekreuzigte; er ist der, der das Kreuz überwunden hat, aber die Zeichen des Kreuzes mit sich trägt – für immer!

Ein Retter, der diese Verwundungen nicht an sich trägt, kann nicht unser Retter sein. Auch wenn Jesus die ganze Macht über Himmel und Erde bekommen hat, so erweist sich diese Macht doch auch in der Offenbarung seiner Wunden, Verletzungen und Vernarbungen. Auch wenn Gott alle Schuld der Welt getilgt hat und der strahlende Sieger über Sünde, Teufel und Tod ist, so ist er doch auch ein verwundeter Gott, ein Gott, der durch das Leid, und im Leid und trotz des Leides gesiegt hat. Seine Liebe zu uns hat ihn verwundbar gemacht.

Auch heute noch trägt Jesus die Narben, die die Menschheit ihm zugefügt hat.

Aber zurück zu Thomas: Das Thomas zweifelt, zeigt uns auch seine eigenen Wunden – seine Verzweiflung, seine Hoffnungslosigkeit, sein Zerstört-Sein. Thomas war Jesus gefolgt, hatte an ihn geglaubt, hatte seine Hoffnungen an Jesus gebunden – und war enttäuscht worden. Er hatte seinen Herrn sterben sehen. Wie hätte er da diese Geschichte von der Auferstehung glauben können?

„Zeig deine Wunde, Herr“ heißt aus dem Munde des Thomas auch: „Und ich zeige dir meine Wunde.“ – nämliche seine zweifelnde Verzweiflung.

Joseph Beuys sagte zu seiner Installation:

„Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will. … Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden.“

Das Kunstwerk bleibe nicht bei der Verwundung stehen. Es enthalte, so Beuys, darüber hinaus ‚Andeutungen‘, „dass die Todesstarre überwunden werden kann […] etwas […], das, wenn man genau hinhört, einen Ausweg weist.“

Thomas wurde am Karfreitag, genauso wie alle anderen Jünger und wie wir selbst, schwer verwundet. Alles, woran er geglaubt hatte, alle seine Hoffnungen, Visionen und Träume wurden vernichtet im Angesicht des Todes seines Meisters, seines Rabbis, des erhofften Messias!

Als Jesus am Kreuz starb, starb in gewisser Weise auch Thomas. Und erst der persönliche Kontakt mit Jesus, dem auferstandenen Gekreuzigten, konnte die Todesstarre durchbrechen und Thomas zu neuem Leben verhelfen. Ohne die Berührung des Christus wäre sein Leben ein ständiger Karfreitag geblieben.

Indem Thomas aber zu dieser Verwundung steht, indem er sich nicht für sie schämt, sondern sie offen bekennt, kann sie geheilt werden.

Thomas zweifelte, weil er verzweifelte. Die Gemeinde hat ihn dennoch ertragen und mitgetragen – so lange, bis er seinen Weg zu Jesus gefunden hat bzw. bis Jesus den Weg zu ihm gegangen war.

Wenn wir uns fragen, was und wie Gemeinde sein sollte, dann sollten wir an die Geschichte des verzweifelten Thomas denken, denn alle Thomasse dieser Welt sind nicht „ungläubige Thomasse“ oder „zweifelnde Thomasse“ sondern zuallererst „verzweifelte Thomasse“; Thomasse, die die Gemeinschaft der Heiligen und die Gemeinschaft Jesu Christi brauchen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karin Koller sagt:

    Lieber Christian
    Sehr treffend und persönlich formuliert.Passend zur Jahreslosung.
    Ich wünsche dir und deiner Famiie Frieden, Kraft und Zuversicht.
    Möge der himmlische Vater euch auch in Schmerz und Leid begegnen.
    Ich bin in Gedanken oft bei euch.Seid alle lieb umarmt und gesegnet.

    Liebe Grüsse Karin

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  2. Grüß Gott, es freut mich, Deine Gedanken zur Beuys Installation zu lesen. Ich sah sie im Lehnbachhaus in München. Auf meinem Blog habe ich ebenfalls unter dem Titel „zeige deine Wunde“ einen Beitrag geschrieben. Gottes Segen!

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