Der schuldig Gekreuzigte – ich…

zwei Männer wurden am Karfreitag schuldig gekreuzigt. Einer rechts und einer links von Jesus, dem einzig Unschuldigen. Ich möchte heute mit euch den Versuch wagen, die ganze Szene aus der Sicht eines der schuldig Gekreuzigten anzuschauen. Wir können uns, glaube ich, gut in ihn hineinversetzen und uns mit ihm identifizieren.

Da hängt also dieser Mann, der ein Räuber und ein Mörder war. Schon bevor er seine Taten begangen hat, muss ihm klar gewesen sein, was im schlimmsten Falle auf ihn wartete – nämlich der Tod am Kreuz.

Zeit seines Lebens hatte er selbst gesehen, wie die Römer mit Verbrechern wie ihm umgingen. Er hatte miterlebt, wie die Verurteilten geschlagen, verprügelt, gedemütigt und ans Kreuz gebunden worden waren. Er hatte ihre schmerzverzerrten Gesichter gesehen, hatte das Blut aus ihren Wunden hervorquellen sehen, hatte gehört, wie sie schrien, als man ihnen die Unterschenkelknochen mit einem Hammer zertrümmerte und wie ihr Seufzen vom Wasser in den Lungen ertränkt wurde. 500 Personen, Männer und Frauen, waren teilweise an einem Tag hingerichtet worden! 500!

Dieser Mann wusste also ganz genau Bescheid, was ihn erwartete, wenn ihn die Römer erwischten. Bis zu drei Tage konnte der Todeskampf dauern. Drei Tage.

Und seine schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden. Er war zum Verbrecher geworden, wurde erwischt, eingesperrt und verurteilt. Jetzt hing er an diesem Holz, an diesem verfluchten Holz und in einiger Entfernung standen Menschen und sahen zu, wie er elendig verreckte.

Hin und wieder reichte man ihm einen Schwamm mit Essig, damit er nicht aus Wassermangel ohnmächtig würde. Das Ziel seiner Peiniger war schließlich, dass er möglichst lange bei vollem Bewusstsein sein sollte.

Er leidet fürchterlich.

Und dann sieht er am Fuße des Hügels, dass sich da etwas tut. Eine Menschenmenge kommt heran. Lautes Singen und Jubeln ist zu hören; und vereinzelt, ganz einsam und kaum vernehmbar, hört man auch verzweifeltes Weinen und Wimmern. Da bringen sie noch einen.

Als die Menschenmenge endlich nahe genug gekommen ist, wird sie von den römischen Soldaten aufgehalten. Nur der Verbrecher selbst darf bis zur Hinrichtungsstelle kommen. Die anderen müssen die Distanz wahren; aus Sicherheitsgründen. Es soll ja niemand plötzlich auf die Idee kommen, die Kreuze umzureißen. Ausserdem war es schon vorgekommen, dass Familienangehörige oder Freunde der Gekreuzigten mit Waffen aufgetaucht waren. Nicht, um die Römer zu bekämpfen, sondern um die Gekreuzigten mit einem Dolchstich oder einem Speerstoss zu töten und so ihr Leid zu verkürzen. Genau das aber wollten die Römer verhindern. Das Leid sollte möglichst lange dauern und deshalb umso abschreckender wirken.

Der schuldig Gekreuzigte erkennt mit seinen trüben, von der Hitze und dem Schmerz ausgetrockneten Augen: Dieser Mann, der da kommt, ist Jesus von Nazareth. Vermutlich hat er Ihn schon mal gesehen. Vielleicht hat er sogar mal ein Wunder miterlebt. In jedem Fall wusste er: Die Leute hatten diesen Jesus verehrt und waren von überallher zu ihm gekommen, um ihn zu sehen und zu hören und seine Wunderkräfte zu erleben. Jesus war im ganzen Volk bekannt.

Die Römer legen Jesus aufs Kreuz, treiben ihm Nägel durch Hände und Füße und befestigen ein kleines hölzernes Schild über seinem Kopf. Darauf steht: Dies ist der König der Juden. Aber der Schuldige kann das nicht sehen von seinem eigenen Kreuz aus.

Unter Jesu Füße befestigen die Römer ein kleines Holz, auf dem er mit einiger Mühe zum Stehen kommt. Das soll die Last von den Nägeln in Händen und Füßen nehmen und den Todeskampf ein bisschen weiter hinauszögern.

Vermutlich wundert sich der Schuldige jetzt. Als er nämlich ein paar Tage zuvor noch in seinem Kerker sass, da hatte er das Volk gehört, das Jesus zugejubelt hat: Hosianna! Hosianna! Hosianna!

Als er an jenem Tage ihren Jubel hörte in seiner schmutzigen, kleinen, dunklen Zelle, da hatte er vielleicht plötzlich selbst Hoffnung verspürt. Hier kommt einer, der die Römer vertreibt und mich aus diesem Kerker befreit. Wer weiß. Vielleicht muss ich gar nicht sterben. Vielleicht komme ich frei. Und wenn ich erst frei bin, dann…

Aber dieser Mann, der in die Stadt gekommen war, dieser Jesus hat ihn nicht aus der Zelle befreit. Er hat die Römer nicht vertrieben. Stattdessen richteten die Soldaten jetzt Sein Kreuz auf.

Die Volksmenge schreit: „Hilf dir selbst, wenn du der König der Juden bist. Steige herab vom Kreuz. Beweise uns, dass du Gottes Sohn bist.“

Jeder Mensch würde diese Leute da unten nun verfluchen.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“, spricht Jesus.

Vielleicht hat der Gekreuzigte in den folgenden Stunden irgendwann in die Stadt hinabgeblickt. Da unten, in der Stadt, ging der Handel und das geschäftige Treiben weiter, als wäre nichts geschehen; ganz so, als würden hier, wenige hundert Meter weiter, keine Menschen hingerichtet. Ganz so, als ginge es niemanden etwas an. Die Marktstände im Tempel, die Jesus umgeworfen hatte, waren wieder aufgestellt worden und der Handel florierte.

Was ist das nur für eine Welt?

Der Andere schuldig Gekreuzigte schreit irgendwann in seinem Schmerz und seiner Verzweiflung: „Bist Du Christus. So hilf dir selbst und uns!“

In diesem Moment kann der Räuber und Mörder nicht anders und ruft seinerseits: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?  Uns geschieht es recht. Wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“  Trotz allem, trotz seiner Taten, glaubt er dennoch noch an Gott. Und er fürchtet Gott. Er weiss, dass die Römer seinen Körper töten können, dass Gott aber die Seele/das wahre Leben in Händen hält und über sie richtet.

Und er spricht zu Jesu: „HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus antwortet ihm: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

Das ist die Szene des Karfreitags. Es ist schrecklich. Und wunderschön zugleich! Hier passiert etwas Alltägliches – Männer werden gekreuzigt. Hier geschieht aber auch etwas Kosmisches: Gott ermöglicht einen Neuanfang mit der Menschheit. Und dieser Neuanfang wird zuerst erlebt von einem Räuber und Mörder.

Dieser schuldige Mann war der Erste, den Jesus direkt ins Paradies einlud. Dieser Mann durfte noch im Sterben die Gnade des Christus erfahren und

Todeskampf erleben. Dieser Mann wurde zwar nicht vor dem Tod bewahrt, aber vor der Konsequenz eines gottlosen Lebens. Ihm stand jetzt die Ewigkeit mit Gott plötzlich offen!

Hier zeigt sich Gnade! Göttliche Gnade! Dieser Mann da am Kreuz hatte von sich aus nichts zu seiner Rettung beigetragen. Er hatte es in seinem Leben so richtig verbockt. Er hat Blutschuld auf sich geladen. Das Einzige, was er richtig gemacht hat, ist dies: Er hat Jesus gebeten, an ihn zu denken, wenn Er in Sein Reich kommt.

Diese Worte, diese Bitte allein hatte gereicht. Mehr hat er nicht tun müssen. Das ist unverdiente Gnade! Das ist die Schönheit des Kreuzes!

Drei Männer starben an jenem Tag am Kreuz. Der Sohn Gottes und zwei schuldige Männer. Einer der schuldigen Männer bekehrte sich im letzten Moment. Wir werden ihn irgendwann im Paradies treffen können. Der andere bekehrte sich noch nicht einmal im Angesicht des sterbenden Messias.

Manche von uns fragen sich, was sie falsch machen, weil sie Menschen bekehren möchten, es aber bei gewissen Personen einfach nicht funktioniert. Nun. Diese Karfreitags-Szene zeigt uns, dass nicht einmal Jesus alle Menschen bekehren konnte.

Zwischen zwei schuldigen Männern hing der Menschensohn und trug die Sünde der ganzen Welt. Ja, Er wurde selbst zur personifizierten Sünde. Doch nur der eine der beiden erkannte, wer hier aus welchem Grunde und zu welchem Zweck starb. Er zog, Gott sei Dank, den richtigen Schluss daraus und setzte am Ende seine Hoffnung in den unschuldig Gekreuzigten.

Ich bin wie dieser Mann!

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ursula Fröhlich sagt:

    Ja, ich gehöre auch dazu, ich stelle mich ebenfalls in die Reihe, auch wenn ich äusserlich gesehen in einer anderen Situation bin als du. Mir kommen folgende Worte in den Sinn: Leiden und Liebe sind so nahe beieinander. Die alles übertreffende Liebe in Person, Jesus Christus, trifft aufs Leiden in jeglicher Form in uns. Begegnung von Himmel und Erde, das ist Gnade. Und diese brauchen wir alle. Ich bin so dankbar für das Reden Jesu: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und er weiss, wann mein „Heute“ ist. Verbunden in Jesus

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  2. Karin Koller sagt:

    Lieber Christian
    Danke für diesen wundervollen Beitrag!
    Nur wer sein Herz öffnet und bereit ist, Jesus nachzufolgen, kann umkehren. Darum bete ich für einige Menschen, dass Gott ihr Herz berührt und er in ihnen den Wunsch weckt, Jesus nachzufolgen. Ohne ihren eigenen Entscheid geht gar nichts. Doch daran scheitern leider viele Menschen. Sie wollen die Kontrolle über ihr Leben nicht aus den Händen legen.So bleiben wir weiter im Gebet und mit der Zuversicht und der Freude im Herzen, am Ende bei ihm zu sein.
    Ich wünsche dir und deinen Lieben einen gesegneten Tag
    Liebe Grüsse Karin

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